Mittwoch, 24. Juni 2020

Pandemonia 100 - Steppdecke fällt zu Boden

Als ich schon fast glaubte zu schlafen, hörte ich einen lauten Knall durch das offene Fenster. Ich erinnerte mich daran, gelesen zu haben, dass, wenn Menschen aus größerer Höhe fallen, bzw. springen der Aufschlag des Körpers klingt, wie der eines großen Sacks klingt. Und so überlegte ich, ob da gerade jemand ganz in der Nähe den Freitod gewählt hat. Nach dem Knall blieb es still, in der Ferne war ein Auto mit präpariertem Schalldämpfer zu hören, dass laut beschleunigte. Sonst nichts. Keine schreienden Nachtvögel, keine feiernden Feiermeinschen. Etwas befremdlich empfand ich meine Faulheit, nicht einmal nachzuschauen, was es gewesen ist. Den Schlaf zu finden schien mein oberstes Ziel. Später glaubte ich jemanden sagen zu hören: "Au, mein Knie." Und so schlief ich mit dem Gedanken ein, dass das was wie ein gefallener Sack klang, wahrscheinlich wirklich nur ein Sack war oder eine Tür die zufällt.

Dies ist der Eintrag 100 des Pandemonia-Blogs.
Er ist hiermit abgeschlossen. In Zukunft werden Eintragungen in zeitlich weiterem Abstand folgen.

Danke.

Lustigerweise hing das Programm gerade, als ich "abgeschlossen" geschrieben habe und weigerte sich, den Schreibbefehl auszuführen. Der Cursor sprang hin und her.

ENDE.

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Dienstag, 23. Juni 2020

Pandemonia 99 - Hauch von Halogen

Ich schritt durch die Nacht um mir Kühlung zu verschaffen und kam an einem Ladengeschäft vorbei. Hier war mal eine Tätowierstube ansässig. Das erkannte ich an dem Schriftzug, der auf der Scheibe zu sehen war. Dahinter: nichts. Die Scheibe selbst: sehr schmutzig. Warum lassen Ladenbesitzer ihre Logos, Leuchtschriften oder Schilder so oft hängen, wenn sie ihre Geschäfte verlassen oder auch verlassen müssen? Möglich ist, dass sie es als Markierung ansehen, um zu zeigen, hier war ich. Ich hab es versucht. Eine andere Variante ist, dass sie im Eifer der Räumung keine Zeit mehr hatten, das Schild zu lösen, da es beim Einzug richtig fest ins Mauerwerk gesetzt wurde oder die Schrauben die Muttern und Gewinde inzwischen so verrostet sind, dass sie sich nicht mehr schnell genug lösen ließen, bevor der Miettransporter wieder abgegeben werden musste. Beim Einsteigen, vor sich die Cola-Derivats-Flasche oder auch Sprudelwasser im grauen Handschuhfach (die Sitze sind auch grau, alles ist grau in Transportern, da sie meist in der Basisausstattung angeboten werden) oder der dafür vorgesehenen Haltung neben der Zigaretten, dreht sich die Besitzerin oder der Besitzer nochmal um, bevor es mit dem Inventar ins Lager geht oder zu einer Verkaufshalle. Und so komme ich zur letzten Variante, warum das Schild oder Logo bleiben könnte, obwohl das Geschäft schon längst aufgegeben ist: Melancholie. Besitzerin oder Besitzer bringt es nicht übers Herz, das Schild, als letzten Rest eines Traums von Selbstverwirklichung abzunehmen, um sich vielleicht doch noch ein Stück Stolz zu bewahren. Und so wird das Schild zu dem was es ist und schon immer war: Ein Symbol. Das wären jedenfalls die drei Varianten die ich erwägen würde, wenn ich in so einer Geschäftsituation wäre. Da ich aber nach wie vor den Blumenladen mit Getränkeverkauf und sprechendem Papagei nicht eröffnen werde, gehe ich Abends durch die Straßen und schaue durch die Fenster leerer Ladengeschäfte in mein eigenes Gesicht.

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Montag, 22. Juni 2020

Pandemonia 98 - Ende Nah

Ich erwachte am Morgen zu den hysterischen Schreien der immer hungrigen Vögel und freundlicherweise konnte ich den Satz, der mir im Einschlafen erschien:

Hier endet die Geschichte - hier fängt die neue Straße an.

Ich habe jetzt 100 Tage lang täglich etwas verfasst, seien es Traumnotizen, die üblichen völkerschen Gedankensträucher oder Beobachtungen aus meinem Alltag. Dies stand in Zusammenhang mit der Krise, die, welchen Ursprung auch immer sie hat uns alle durchgeschüttlet zu haben schien und auch noch weiter begleiten wird. Vielleicht mach ich ja ein kleines Heft draus und überführe die Digitalnotizen in die Realität.

Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Vorrangig über mich selbst und in welchen Bahnen ich kreise, auf welchen Trampelpfaden ich reise. Und welchen ich verlassen sollte, um den staubigen Füßen das Polster der weichen Wiese zu gönnen. Dort war ich natürlich den Stichen von parasitären Tieren ausgesetzt und ohne, dass ich es bemerkte wurden drei juckende Stellen ziemlich dunkelrot. Aber der Durchmesser scheint mir nicht bedrohlich. Und so drehte ich zumindest an dieser Stelle im Unterschied zu früher NICHT durch. Sondern sagte mir: So sei es.

Und ging weiter. Und auch jetzt werde ich weiter gehen und Dingen und Menschen begegnen. Manche kenne ich bereits, manche werden neu sein. Manches nennt sich Arbeit, manches Freiheit. Freizeit, ein Wort das ich noch nicht so oft zu gebrauchen wage, scheint hier auch fehl am Platz. Und überhaupt viele von euch, werden dieser Freizeit vielleicht auch überdrüssig sein. Oder seit ihr schon wieder zurück im guten alten Rhythmus von Arbeit und Pause in der Silbermühle?

Ich versuche dran zu bleiben. Denn es muss ja irgendeinen positiven Sinn gehabt haben, dass eine wie auch immer geformte übergeordnete Macht den Resetknopf unseres Gesellschaftsrouters gedrückt hat und wir alle, in meinem Falle ich, die Möglichkeit hatten, die Dinge, die wir tun neu zu betrachten und zu bewerten und vielleicht einiges anders zu machen. Oder auch zu verabschieden.

Am Ende war diese Pause vielleicht so etwas wie die "großen Ferien" in der Schulzeit. Jeder ging gleich hinein und danach trafen wir uns wieder, am gleichen Ort wie vorher (die Schule) mit den gleichen Aufgaben (besonders für die Klassenstufenwiederholer), aber wir waren andere.

Ich erinnere mich noch genau daran, dass nach den Sommerferien '96 meine Stimme anders war, da mir meine Mandeln rausgenommen wurden. Und ein Schulfreund besuchte mich kurz vor Schulbeginn, ich glaube sogar in den letzten 3 Tagen (die Schule begann immer an einem Donnerstag neu) und ich bemerkte, dass sich sein Geruch verändert hat. Er roch jetzt mehr nach Salami und erzählte mir davon, dass er beobachtet hat, wie ein Baby im Badesee ertrunken sei, bzw. wie es gefunden wurde.

Und ich frage mich auch heute, ob es diese Erfahurng war, die seinen Geruch verändert hat. Lustigerweise beginnt ja demnächst wirklich wieder die Ferienzeit, die für mich persönlich keine große Rolle spielt. Alle werden dieses Jahr anders wahr nehmen, Ich bleibe gespannt.

Wie eingangs erwähnt mache ich die 100 morgen und übermorgen noch voll. Heute kam es mir aber, wie es die Tradition dieses Blogs ist einfach in den Sinn schon mal zu reflektieren. Und deshalb tat ich es.

Bleibt gerade

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Sonntag, 21. Juni 2020

Pandemonia 97 - Flücht

Ich sitze hier und esse ein Eis am Stiel, von Schokolade umhüllt und von vanill'nem Geschmack. Und heute morgen stand folgender Satz von innen auf meiner Stirn geschrieben:

Lange Finger nützen nicht viel, wenn man weglaufen muss.

Ich sah auch entfernte Bekannte, die mich begrüßten an einem Tisch sitzen. Und einem von ihnen zupfte ich an der blauen, aus feinem glänzenden Stoff genähten Baseballjacke. Er ließ es geschehen, schien überrascht mich zu sehen. Ich sagte nicht viel, ich sagte gar nichts. Und wachte auf.

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Samstag, 20. Juni 2020

Pandemonia 96 - Dämmerungs-Anhänger

Ich stieg aus einem Auto und sah die Straße hinab. Es war sehr heiß, es war Nachts. Ich sah eine Frau mit einem Fahrrad auf mich zu kommen. Das Fahrrad war mit einem Kindersitz ausgestattet, dazu noch ein Anhänger, ebenfalls zum Transport von Kindern. Ich empfand diesen Anblick als merkwürdig. Aber warum? Hat sie ihre Kinder irgendwo zurück gelassen oder ist sie auf dem Weg sie abzuholen? Oder ist es gar nicht ihr Fahrrad und sie hat es geliehen oder entwendet, um Alkohol für eine Feier zu transportieren? Während ich da stand und dem Geräusch der auf 6 Bar gepumpten Reifen auf dem Kopfstein lauschte, begann ich wieder zu schwitzen. Die Frau verschwand im Dunkeln und diese kurze Episode war vorbei.

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Freitag, 19. Juni 2020

Pandemonia 95 - Rote Ovationen

Ich war in einem Gitarrenlager mit braunen sehr hohen Holzregalen in engen Gängen und ein mir bekannter Musiker und Gitarrenexperte zeigte mir eine rote Mandoline der Firma Ovation. Das besondere war einen im 80-Grad gewinkelte Kopfplatte und auf dem Griffbrett waren neben Bünden auch schwarze Schalter, die wohl eine Intonationsfunktion hatten. Er führte mir die Mandoline vor und ich war nicht so sehr an ihr interessiert, er reichte sie mir trotzdem herüber und ich spiele einige Töne auf ihr, bevor ich begann das für das Mandolinenspiel übliche Tremolieren zu probieren. Tremolieren heißt, die Saite wird durch Plektrum oder auch puren Finger in sehr schnellen Auf- und Abschlägen angeschlagen so das ein sirrender aber auch zitternder Ton entsteht. Als typisches Beispiel sei hier italienische Abendsonnenfolklore genannt. Zu meiner Verwunderung beherrschte ich das Tremolieren gut, auch wenn mir die Saiten etwas lasch gespannt schienen. Mich beobachtete ein weiterer Bekannter, der sehr beeindruckt von meinen Fähigkeiten schien. Ich schielte während dessen auf den anderen, der ein Kiste wegtrug in der ich einige Gitarrenleichen und eine schwarze abgespielte ES-335 mit nur einem goldenen Tonabnehmer am Hals erkannte. Die hätte ich viel lieber angespielt als die Mandoline.

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Donnerstag, 18. Juni 2020

Pandemonia 94 - In Baden nicht baden

Gestern verbrachte ich Zeit an einem Ort, der im guten Sinne umfunktioniert wurde. Wo bis vor einigen Jahrzehnten noch Kohle gewonnen wurde, kamen findige und geduldige Menschen auf die Idee aus den daraus entstandenen Löchern Seen zu machen und eine Renaturierung vorzunehmen, also Wasser und Regenwasser dort hineinzuleiten und Flora und Fauna anzusiedeln. Einige Jahre später, also ungefähr jetzt, sieht das alles ganz possierlich aus. Es wurden Häfen für Boote und Strände für Wassersport angelegt. Im Hintergrund sieht man neben den überall präsenten Windrädern einige alte Schlote, sehr hohe Schornsteine und durch die Luftmassen, die zwischen Betrachter und Objekt liegen, in ihren Konturen unscharfe Gebäude aus der Kohlezeit. Die neu errichteten Gebäude sind durchweg sehr kantig, modern, energiesparend und etwas kühl. Ein Flair von Mediteranität liegt in der Luft, aber eigentlich riecht es nach Mitteldeutschland. Ich bemerkte, dass hier Investitionen getätigt wurden, Gebäude hochgezogen und an Ideen geglaubt wurde, mit dem Ziel sie an andere zu verkaufen. Ein Hauch von Schickeria, zu erkennen an den hellen Farbtönen der Kleidung einiger Passanten und kleinen Strohhüten in den Kajüten der Boote. Viele Menschen die an der sogenannten Seepromenade saßen, die einst die Oberkante des Kohleabraums war, machten auf mich aber einen durchaus provinziellen Eindruck, was ja auch verständlich ist, denn ich befand mich ja in der Provinz. Dies mag abwertend klingen, aber so ist es nicht intendiert. Ich stellte fest, das eine Durchmischung stattfindet und die edlen Restaurants von normalen Menschen besucht werden. Einmal Spaghetti Bolognese und Campari bitte, zum Nachtisch ein Eis und dann noch ein Stück an der Aufschüttung am Wasser entlang, bevor es über den Hügel wieder in die Wohnung geht. Wenn ich das Schreibe empfinde ich Mitleid und ging mit sonnenbebrilltem gesenktem Haupt zwischen diesen Menschen entlang. Warum eigentlich Mitleid? Weil ich, mal wieder ihr kleines Glück als nichtig zu entlarven glaubte? Weil ich es nicht ertragen konnte, wie ein älteren Mann mit ängstlichem Blick sich seine Nudeln in den Mund gabelte? Hat es ihm geschmeckt? Habe ich ein Recht darüber zu befinden, was die Leute glücklich macht? War es am Ende nur Neid, weil ich nicht glücklich war? Eigentlich war ich es, als ich dann selber am Kai stand und einem ankommenden Ratfahrer zunickte, der aus den Pedalen klickte und nach einem Schluck aus seiner Trinkflasche, würgte und etwas in das Wasser spuckte. Später saß ich in einem Raum voller Kunstwerke, die wie ich hörte "nicht billig" waren. Das erste, was mir in den Sinn kam, war eines oder zwei zu stehlen und dann zu verkaufen. Das zweite war, dass auf dem einen die Welle von Hokusai um 90 Grad gekippt zu sehen war. Am Ende des Abends nutzte ich die Gelegenheit und verstaute eine Flasche Weißwein in meinem Gepäck. Bevor ich den Ort verließ stellte ich sie aber wieder an ihren Platz zurück, da etwas in mir karmisch rumorte und vom Stehlen abhielt. Ich erinnerte mich an meine Kindheit, in der ich manchmal Spielzeug von Freunden "mitgehen" ließ und dachte, auch wenn das hier reichen Leuten gehört und ihnen der Verlust einer Flasche nicht wehtun wird, lasse ich es doch zum Wohle der kosmischen Güte bleiben und irgendwas muss ich ja auch mal gelernt haben in den letzten Jahren. Nachts dann viel Schweiß und Rastlosigkeit. War das der Dank? Wohl kaum. Man kann keinen Dank für eine gute Tat erwarten. Ist denn das Unterlassen einer unmoralischen Tat überhaupt eine gute? Fragen...über Fragen. Baden war ich nicht.

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