Montag, 27. August 2018

Städtemeinung

Halle/Saale:

Ich komme aus Halle. Und immer wenn ich da bin, erinnern mich die Orte an Erlebnisse aus der Vergangenheit vorrangig Kindheit und Adoleszenz. Hier habe ich die B-52 in 1:72 gekauft, da bin ich mit dem Fahrrad in den Schotter gefallen, da bin ich im Herbst mit dem Rennruderboot ins Wasser gefallen. Ja, und hier hatte ich mein erstes Konzert...es hat immer etwas Melancholisches. Manche Häuser stehen nicht mehr, manche haben sich kaum verändert. Eben so die Menschen. Wenn zu Beispiel der Besitzer meines Elternhauses grad das Treppenhaus wischt und ich da durch muss und er mich streng bittet, mein Fahrrad über den feuchten Stein zu tragen, dann macht er das in dem selben Ton wie vor 18 Jahren, als er mich aufforderte meinen Gitarrenverstärker leiser zu drehen, den ich nach den ich, wenn aus der Schule kam nur Mittags laut machen konnte, weil da keiner in der Wohnung war. Oder Gabriel, den ich für seine Konsistenz bewundere, wie er den Hühnerklub zu einer Kulturverwirklichungsoase ausbaut und Menschen Platz gibt, sich zu entfalten. Mir auch, wie gesagt, gab ich eines meiner frühesten Konzerte im Keller am Steintor, weil er einer der wenigen war, die meinten, den Gästen mein Werk zu muten zu können. Oder das Haus, in dem ich meine erste WG hatte - das sieht exakt genau so aus. Von außen. Der Putz bröckelt und die Fenster sind angekippt. Und die Balkonmauer bei meinen Eltern, die mir nicht mal bis zum Becken reicht, obwohl ich früher nicht drüber schauen konnte (liegt daran, dass der Boden erhöht wurde und am Wachstum). Dann denke ich: so viel Zeit ist doch gar nicht vergangen und dann wieder: es ist so lange her. Ich bin noch der gleiche und gleich bin ich wieder ein anderer.

Hamburg:

Ich lerne und arbeite in Hamburg. Da bin ich zum Musik machen und freue mich immer wieder, wie angenehm fokussiert die Leute dort sind, mit denen ich Zeit verbringe. Ich habe dort gelernt meinen Kram durchzuziehen und dass man sich entscheiden muss für einen Sache, seine Sache. Die Menschen, die ich dort fand, sind alle sehr großzügig und freundlich, unterstützen mich, brachten und bringen mir so viel bei, geben mir Raum und Chancen (mehr als eine) und sind einfach da. Jan, Tobias, Julia, Viola und Jonas (inzwischen in B), Florian und Bent, Christin, Rüdiger...um nur einige zu nennen, euch gebührt mein ewiger Dank. Ich glaube, in Hamburg habe ich auch gelernt höflich zu sein und nicht nur ein apathischer Freak. Ja, ich glaube, Hamburg ist die Stadt, in der ich gelernt habe erwachsen zu agieren und auch wenn ich Außenseiter bleibe, dass es okay ist, mit Menschen zu reden und dass wenn man etwas dazulernt, das alte nicht verloren geht. Ich habe gelernt, dass es okay ist, sich zu verändern.

Berlin:

Mit Anfang 20 habe ich Zeit hier verbracht mit Filmmusik und morgendlichen Gängen nach Feiern mit Dirk, wo ich einen Blumenhändler bat, mir doch bitte mit dem Wasserschlauch die Schuhe nass zu machen, bevor ich zu einer Probeaufnahme für den Film "Zeit der Fische" ging. Bei Johannes habe ich mit Friedemann zusammen meine ersten richtigen Studioaufnahmen gemacht und später dann mit Florian und Leif in dem alten DDR-Popmusik-Studio, dass dann abgerissen wurde, wegen Yachthafen. Dann wieder zurück nach Hause im ICE mit Wodka aus der Spiegelbar des erwähnten Studios. Bei Fabian im Keller ein 3 Stunden-Konzert mit meiner Band, zu dem die Leute durch ein Gitter von der Straße aus hinabsteigen mussten. Und immer wieder erstaunen, wie angeregt die Leute hier bei Auftritten mein Schaffen würdigten. Seither fühle ich mich, als ob ich Berlin mit meiner Abwesenheit wie ein heranwachsendes Haustier vernachlässigt habe. Es kann aber auch sein, dass das Berlin egal ist.

Basel:

Eine Stadt, in der ich mich aufhielt, als ich etwas mit einer Frau hatte, das dem Begriff Romanze wirklich würdig ist. Ich fuhr zu ihr und hielt mich dort fast zwei Wochen auf. Im Nachhinein weiß ich gar nicht, ob sie das so gut fand. Aber manchmal macht man so was. Ich zerriss in einem Moment der Umnachtung zum Beispiel mein gesamtes Geld und schmiss es in die Luft.  Auf dem Weg nach B. hörte der Fahrer im Wagen die ganze Zeit ein Album von Leona Lewis. Und von diesem Album blieb mir dieses Lied in Erinnerung, dass in mir Resonanz erzeugte, denn ich ergriff auch die auswegslose Flucht vor meinem verletzten Herz. Es war die ganze Zeit richtig heiß, Juni oder so. Und zum Abschied legte sie ihre Hand auf mein Haupt. Erst als ich wieder zurück nach D-Land fuhr brach ein heftiges Gewitter los. Das waren sehr prägende 2 Wochen und ich danke der Dame dafür, dass ich sie mit ihr teilen konnte.

Leipzig:

Ich lebe in Leipzig. Die Idee, warum ich diese Liste hier anfertige kam mir, als ich gestern von der Autobahn 9 kommend in die Stadt zurück kehrte und mit jedem Meter, den ich ihr näher kam mehr Abscheu empfand. Die Häuser und vor allem die Menschen, die ich sah, stießen mich ab. Alle wirkten jung, gut gelaunt und entspannt und trugen ihren Drang zur Selbstverwirklichung zur Schau. Als ob sie alle gleichzeitig nichts zu tun und richtig viel drauf hätten und ihr Leben und ihre Ziele mit Leichtigkeit verwirklicht sähen und weil es nicht tun, weil es ihnen so leicht fällt. Mich überkam eine Übelkeit und mein Brustkorb verengt sich, wenn ich daran denke, wie viel Scheiße ich in dieser Stadt mir selbst und wenigen anderen zugefügt habe. Da denke ich natürlich sofort: warum bin ich dann hier?  und: Ich projeziere die Abscheu und Verachtung, die ich für mich selbst empfinde auf die Stadt und ihre Bewohner. Die können ja nichts dafür, wie ich so drauf bin. Und außerdem: habe ich hier einen Platz gefunden, an dem ich Existenzrecht habe, mitten in der Gesellschaft, da wo es sich manchmal anfühlt, als wäre ich Teil eines Museums oder einer Reichsbürgervereinigung voller renitenter Selbstverwirklichungverweigerer. Und abgesehen davon, hab ich hier gnädige Leute gefunden, deren auf Gegenseitigkeit beruhende Wertschätzung ich mir sicher sein kann, ich habe eine lange Liebe verloren, aber es wurde mir auch neue eine neue gegeben. Und so komme ich nicht um hin zu sagen, dass ich Leipzig zwar oft nicht ausstehen kann, aber trotzdem bleibe. Es schadet ja nicht, fit zu bleiben in Sachen Verachtung. Und wenn ich schreibe "Ich lebe in Leipzig." wird mir klar, dass das Leben die schlechten und die weniger schlechten Dinge beinhaltet.

Schluss jetzt.

T.

Montag, 2. Juli 2018

Mit kleinen Schritten in den Rücken treten/Zurücktreten

Ich habe den Abstand zwischen mir und den Sozialen und Normalen Medien vergrößert und stellte fest, dass das meiner Konzentrationsfähigkeit gut tut. Ich verbringe weniger Zeit damit, Dinge zu lesen und anzusehen, auf die ich wenig bis keinen Einfluss habe und stellte fest, dass genau dieser mangelnde Einfluss ein nicht auszugleichendes Energiepotential in mir erzeugt. Denn: ich lese zum Beispiel über ein Maßnahme des amerikanischen Präsidenten an der Außengrenze seines Landes, die offensichtlich auf Lüge basiert und ganz andere Ziele verfolgt. Ich werde wütend, kann aber nichts dagegen machen, so bleibt die Wut in mir und verlangt an anderer Stelle austritt. Im für den K. guten Falle kaufe ich dann irgend etwas und wandele die Energie in Konsum um. Da ich aber nicht reich bin, versuche ich auch wenig zu konsumieren. Auch im Bewusstsein, dass dies oft eine Ersatzhandlung ist. Ich beschränke mich also. 

Wie Sven G. schon bemerkte muss das nicht sein. Ich wiederum halte es manchmal für notwendig, da ich ja andererseits die Lust verspüre etwas ernster durchs Leben zu gehen. Ich habe viel gedummlabert. Das versuche ich zu unterbinden oder sagen wir zu minimieren und beim einigen Versuchen in diese Richtung fiel mir auf, dass Gespräche mit vermindertem Dummlaber-Anteil einen anderen Fluss haben, bzw. der Fluss manchmal ins Stocken gerät und Gesprächspausen entstehen. Dann bemerkte ich ein Unbehagen darüber in mir. Weil ein Gespräch doch eigentlich fließen soll. Lachen und Übereinstimmung im Inhalt. Das geht sehr leicht über Witze und eine lockere Sprache. Oder sagen wir: es ist leichter so. 

Wenn ich jetzt darüber schreibe, merke ich, dass ich etwas mehr Gleichgültigkeit an den Konversations-Tag legen kann. Oder einfach gehen sollte. Und ich erinnere mich an eines der ersten Treffen bzw. nennt man es "Dates" mit meiner langjährigen Partnerin. Wir saßen auf einer Bank, von der aus man die Stadt in der wir zu leben pflegten überblicken konnte. Man sah einen Park, Kirchentürme und ein Kraftwerk und am Horizont die Salzberge der Kalitagebau-Anlangen. Wir saßen da und schwiegen, sagten nahezu nichts. Bei mir lag es wohl daran, dass ich mir nicht traute ein Gespräch zu beginnen oder schlicht nicht wusste wie und von einem direkten Versuch sie zu küssen weit entfernt war. Ich habe es aber aber als absurd genug im positiven Sinne empfunden, dass ich mich überhaupt mit ihr getroffen habe. 

Im nach hinein sagte sie mir, dass sie das gut fand. Jetzt denke ich: vielleicht hatten wir uns schon damals einfach nichts zu sagen und hätten es lassen sollen. Stattdessen aber schöne schreckliche Freakjahre. Schon okay. Man lernt ja aus allem. 

Jetzt geht es mir ein bisschen besser und ich lese in einem Buch, dass das Geschehen des zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines SS-Offiziers beschreibt. Er ist kein Kämpfer im üblichen Sinne sondern für die Beobachtung der Prozesse rund um die Kampfhandlungen zuständig. Es geht um Judenvernichtung, Ränkeleien zwischen Wehrmacht und SS, unterdrückte Homosexualität und einen allgemeinen Wahnsinn. Mein erster Eindruck: das Buch schickt mich als Leser ohne jegliche helfende moralische Hand durch die Handlung. Das verunsichert, aber macht mir bewusst, dass ich eine Haltung entwickeln muss. Das ist auch interessant. Des weiteren bin ich bisher davon ausgegangen, dass hinter dem "Vernichtungskrieg", der Endlösung und der Gesamtgrausamkeit der Nationalsozialisten ein intelligenter Plan steckte. Das es ein System gab. 

Wenn ich aber dem fiktiven, aber auf wahren Tatsachen und historischen Ereignissen basierenden Verlauf folge, muss ich feststellen, dass die Nazis wirklich verrückt oder mindestens konfus waren. Weil über Leben und Tod willkürlich entschieden wird und die Figuren in dem Roman vielfältig damit zu kämpfen haben, wie sie ihr Verhalten vor sich selbst rechtfertigen. So bleibt die Hauptfigur Exekutionen gerne fern, und ergeht sich auf Spaziergängen durch die besetzten Städte in Beschreibungen der Architektur und Landschaft und lobt den Wein. Es ist schrecklich. Es bleibt ein Rätsel. Aber es auch interessant und ich empfinde es als angenehm, mich auf diese Weise mit dem sehr prägenden Kapitel deutscher Geschichte zu befassen. 

Gerade auch in diesen schönen Sommertagen. So fuhr ich vor 3 Tagen in einem absurd leeren Zug von Norden nach Südosten durch D-Land und war berührt von den Weizen und Sonnenblumenfeldern und dem schönen Licht und den im Hintergrund liegenden Chemieanlangen, war mir aber zur selben Zeit bewusst, dass auf den Schienen über die ich gerade gleite vor einiger Zeit auch Deportationstransporte gerollt sein könnten. Es geht um Verantwortung und Bewusstsein, dass ich mir selbst näher bringen möchte und um Ernsthaftigkeit als Abgrenzung von den gut gelaunten Menschen. 

T.

Sonntag, 24. Juni 2018

Eigene Welt machen, vor allem aber nicht mehr raus da.

Ich stand weit oben. Von links hinter mir, von vorne und auch von allen anderen Seiten drang Musik , Gesang und Gespräch an meine Ohren, die in letzter Zeit leicht sirren. Es war elektronische Musik, es war melodische Musik mit Blasinstrumenten gespielt, es war rhythmische Musik südamerikanischer Prägung mit hohem Perkussionselement und Zupfinstrumenten. Alles vermischte sich zu einem Brei, dessen Bestandteile ich nicht mehr von einander trennen konnte. Es war ein Straßenfest. Es war der Ausdruck von Freiheit von kultureller Vielfalt, eine Präsentation der eigenen Welten. Jede für sich.  Eine Kakophonie. Das große Ganze. Das Gemeinsame: der Ort. Mehr nicht. 

So weit, so pessimistisch, so menschenfeindlich. 

Es folgt das völkische Aber:

Aber, die gleichzeitige Präsentation der verschiedenen Musiken und Welten gibt dem Besucher auch die Möglichkeit in sie hinein zu schauen und von einer in die andere zu treten. Ich glaube, dass ist der Gedanke dahinter. Und das keinem etwas weh tut, keiner sich provoziert fühlt und letztlich jeder in seiner Welt bleibt. Zumindest all jene, die sowieso konform gehen und die, die nicht konform gehen sind gar nicht da.

So stand ich dann also, abgrenzt, weil ich wie immer Angst habe, dazu zu gehören und weil ich häufig glaube, keine Welt zu haben und betrachtete das Gemenge und dachte: "Das keinem etwas weh tut" dann "Musik die keinem weh tut" - das könnte doch ein guter Albumtitel sein. Zynisch hoch zehn. Kommt auf jeden Fall auf die Liste. 

Die technoide Musik setzte sich dann am längsten und am lautesten durch Bassmacht durch. Bass ist ja Energie, die man im Körper, sofern man eine Verbindung zu jenem hat, spürt und so zieht es die Menschen magisch an den Ort an dem sie ihre Körper spüren können. 

Die Rhythmen (ich weiß immer noch nicht und nie, ob ich Rhythmus falsch oder richtig schreibe!) sind sehr gleichmäßig, getragen von vier bassigen Schlägen, bzw Tritten auf den Grundzählzeiten. Der Experte spricht hier von den "Vier auf dem Flur" oder den "Vier auf dem Fußboden". Und hier kommt der Gedanke, der sich darauf hin in meinem Hirn Platz schuf: Die regelmäßigen Rhythmen bieten den Menschen Sicherheit, einen Ort der Regeln, nach dem sie sich in ihrem sonstigen Leben und unseren "Zeiten der Unsicherheit" zutiefst sehnen. 

Es ist der gleichmäßige Rhythmus der Stanzpressen und Webstühle, ein Relikt aus der Zeit der Fabrikarbeit und Stechuhr, der in den Dienstleistungsangestellten und Auszubildenden der geistigen Berufe eine Sehnsucht entfacht, die sie beim Bewegen ihrer Körper und der Synchronisation selbiger zur "Musik" zu stillen wissen.

Die Musik wurde dann irgendwann ausgemacht, der Müll beseitigt und der Himmel war wieder grau. Ich fuhr umgeben von Nationalsport-bedingter Stille über ein wildes Weizenfeld und durchquerte Schluchten von Neubaublöcken, bevor ich die Kopfhörer aufsetzte und im Schein meines Computermonitors an einem Song namens "Wand" arbeitete. 

Auch er hat regelmäßige Rhythmen, aber auch wogende Klänge. Die stehen für den im Wind wiegenden Weizen oder das Schmieröl des Webstuhls...als dann der nächste Morgen kam und ich halbwach und traumlos herumlag, nahm ich von draußen hereinkommend schwebende Klänge wahr. 

3 langsam wechselnde wiederkehrende Töne von warmer Natur. 

Ich war mir sicher, dass sie aus dem Himmel kämen und eine außerirdische Macht erst Kontakt mit der Menschheit aufnehmen und dann einen Unterjochungsfeldzug starten würde. Der mit diesen 3 Tönen beginnt. Da wäre dann auch endlich die Sehnsucht nach Sicherheit und regelmäßigem Arbeitsrhythmus gestillt, wenn wir alle gemeinsam an den Maschinen der Spezies stehen würden.

2 Minuten später kamen die "Vier auf dem Flur" herein und ich wusste:

Es ist Menschenmusik.

T.

Montag, 21. Mai 2018

Folge mir ins Dünkel

Wir verließen den Ort, an dem ich mir im Winter den Pelz und im Sommer das leichte Hemd des Zynismus anziehe und von mir gebe, was ich für witzig oder störend halte. Mit aggressivem Zungenschlag klinke ich mich in Wortwechsel ein und lasse Begriffe fallen, die ich für passend halte. In einer Konversation über die Wichtigkeit von Nelson Mandela lasse ich den Namen Hitler fallen und mit einem Mal kann das, was Mandela als wichtig kennzeichnet auch auf H angewendet werden. Aus einer Zelle, in Gefangenschaft schreibt er einen Text und berührt damit ein Volk und kann ein Land hinter sich versammeln und in eine Zukunft führen. Da musste ich dann innerlich lachen, wie ein Wort, die Bedeutung eines Gesprächs verändern kann für die oder den, der sich der Unterhaltung erst nach Beginn zuwendet. Ja, dann kann man denken, dass da einer über Hitler redet, obwohl er über Mandela spricht. Und das Böse nimmt sich, was das Gute geben wollte. Und so ging das dann weiter, ich sagte hier und da etwas, sagte letztlich aber nichts sinnvolles und kam zu der Erkenntnis das Schweigen wieder meine Stärke sein sollte. Ein klares Schweigen, so lang nicht etwas gehaltvolles meinen Mundraum verlässt. Das werde ich wieder üben und mit diesem Gedanken verließen wir den Ort und du rolltest vor mir auf deinem Fahrrad in Richtung des Waldes. Es war bereits dunkel, ein wenig Resttageslicht aber noch vorhanden und der Weg unter deinen Rädern war aus heller festgetretener Erde, über dem Weg begann das Geäst, das am Tage so freundlich grün scheint, doch nun dunkelblau bis tiefschwarz über uns liegt und ohne eine Abgrenzung in den wirklich schwarzen Nachthimmel übergeht. Denn in der Nacht ist keine Sonne da, die durch die Reflexion der Ozeane den Himmel blau erscheinen lässt. Nein, was ich sah, war das reine Schwarz des gleichgültigen Universums. Zwischen dem trockenen Weg und dem Geäst gab es einen schmalen Bereich, der einen Übergang bildete. Dort ging das blasse Grau ungenau in das Schwarz über. In einer sanften Bewegung, nicht scharf abgegrenzt, sonder einem sanften Pinselstrich gleichend. Und während dein Fahrrad und dein Körper den leichten Abhang in den Wald hineinfuhren und kaum noch zu sehen waren in dieser Übergangszone von Hell nach Dunkel, drehtest du dich nach mir um und dein blasses Gesicht leuchtete aus dem Schwarz hervor, bevor du mit der Dunkelheit verschwommen warst. Ich schaute dir nach und ließ mich treiben, immer hinein, hinein und weiter. Und schwieg.

Montag, 14. Mai 2018

Kaiser Nero und die CDs

Notiz an mich selbst: Wer durch Hochmut hoch hinaus will, sollte vorher die Deckenhöhe überm Tresen prüfen. Sonst folgt auf Hochmut nicht nur Fall sondern Blut. Aus Fehlern lernt man oder bekommt zumindest eine Strafe. So muss ich das Trimmen meiner Haarmatte etwas verschieben und warten bis der Grind sich löst. Aber den Haarschnitt verschiebe ich ja gerne Mal. Weitere Erkenntnis: es gibt immer nur eine Art von Kopfweh, die man haben kann. Erschütterungsweh überdeckt Katerweh. Zum Beispiel. So was erkenne ich dann wohl, wenn ich mal beflügelt bin. 

Als ich letztens durch die Straßen ging, lief ich an einem der weit verbreiteten Kartons vorbei, in denen Menschen ihren Müll, den sie nicht als solchen bezeichnen, sondern als milde Gabe an Flanierer, hinterlassen. In einem dieser Kartons fand sich die Bedienungsanleitung zu einer Vollversion des Brennprogramms "Nero". Ich kannte das noch aus der Vergangenheit. Auf goldene Rohlingen brannte ein Computerfreund von Tom und mir uns die Vollversion von GTA, dem Original. Dazu als Cover den Druck der gescannten Original-CDROM. Mit Cheat-Codes, die wir einer Computer-Spiel-Zeitschrift entnahmen, konnten wir unbegrenzt auf Waffen zugreifen und wurden unsterblich...in dem Spiel. Von Internet keine Spur. 

Als ich diesen Gedanken nachging, wurde mir plötzlich bewusst, dass hinter dem Namen "Nero" für ein CD-Brennprogramm eine tiefere, vielleicht auch perfide Bedeutung steckt. Nero war ja der letzte Kaiser einer Dynastie und mochte Christen nicht. Soweit so gut. Allerdings besagt eine Legende, er habe eine großen Brand gelegt bzw. legen lassen, der große Teile Roms zerstörte. Dies beobachtete Nero von einem Turm aus, sich selbst auf einem Harfeninstrument unterhaltend. Er wollte Platz schaffen für einen großen Palast. Wie bitte kommt eine Software-Firma darauf ein Brennprogramm dann Nero zu nennen? Ist das witzig? 

Das "Brennen" hat ja tatsächlich laut der "Industrie" dafür gesorgt, dass Tonträgerverkäufe zurück gegangen sind. Und ich denke, deshalb hat der Namen des Brennprogramms etwas prophetisches. Denn zum Brennen gehörte ja auch das "Einlesen" der Daten. Und als dann einige Zeit später größere Datenmengen auch durch Normalsterbliche transferiert werden konnten, wurde nicht mehr auf CD gebrannt, sonder nur noch eingelesen und verschickt. So war es. So ist es. 

Es ist auch heiß und ich bemerkte soeben, während meiner Kehle ein schriller Schrei entfuhr, dass eine nicht gerade kleine Spinne über eine Mohrrübe, die neben mir liegt und an der ich ab und zu nage, klettert und an ihre Hauer in diese rammt. Sie ist sehr hell, hat wohl eben eine wachstumsbedingte Häutung hinter sich gebracht und deshalb jetzt durstig. 

Ich nenne sie Nero und gewähre als gleichgültiger Gott der Tiere, dass sie ihren Durst an meiner Rübe stillt. 

Bald wird sie ein Feuer schüren und von einem Netz an der Decke beobachten, wie mein Palast niederbrennt und sie sich ein goldenes Haus bauen kann. Sofern ich nicht davor, in Hochmut verfallend, ein Möbelstück besteige und Nero beim Auftreffen meines Schädels an der Decke zerquetsche...

TV.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Möhre/Salzsäule im Supermarkt

Die Frau von Lot, ihr Name wird aus irgendeinem Grund nicht genannt, wird gemeinsam mit ihrer Familie von sogenannten Engeln aus der verwüsteten Stadt Sodom herausgeführt. Die Engel sagen ihr und wahrscheinlich auch dem Rest der Familie, dass sie sich nicht umdrehen sollen. Lot's Frau, die Lotin macht es trotzdem und beim Anblick des Schreckens wird sie eine Salzsäule. Knappe 2 Jahrtausende später sitze ich neben dem Sportplatz meiner Grundschule auf der Wiese neben dem Abhang, hinter dem eine KFZ-Werkstatt steht, der Zaun ist löchrig und da wo er aus Eisenstangen zusammengeschweißt ist, rostig und scharfkantig. Ich sitze mit anderen Kindern auf der Wiese und wir spielen das Plumpssack-Spiel oder wie auch immer das geschrieben wird. Da wird dann so eine Melodei gesungen, während alle Kinder im Kreis hocken und außen herum läuft ein einzelnes dieser Kinderwesen und legt bei irgend einem dann ein Taschentuch ab, wenn die Melodei vorbei ist. Wenn das Kind dass dann schnallt und sich umdreht, muss es losrennen und das andere fangen, bevor sich jenes auf seinen Platz setzt. Ich fand das Spiel nicht gut. Aber wie so oft: ein Spiel, dass die Menschenkinder auf den Alltag im K vorbereitet. Man fügt sich in eine Gruppe ein und dann kommt jemand und erhebt mit merkwürdigen Methoden Anspruch auf den eigenen Platz. Und dann heißt es rennen und den anderen jagen und fertig machen. So wird man zum Jäger. Ach ja, was ich vergaß: man darf sich aus irgend einem Grund bei dem Spiel nicht umdrehen. Wie bitte soll ich dann aber erkennen, ob das verdammte Taschentuch hinter mir liegt? Egal. Schon die Bibel (siehe Lot) sagt ja: besser nicht umdrehen und die Schrecken zurück lassen. Sonst wird man unbeweglich und kann die Dinge die vor einem liegen nicht wahrnehmen. Keine so schlechte Weisheit, die da drin steckt finde ich. Ich wiederum steckte mit meinen Füßen in dem klaren Wasser eines Sees und schaute in den Horizont und übte mich im sogenannten "Jetzt-Sein". Also "einfach nur" da stehen und schauen, wie sich das Wasser kräuselt, die Bäume in der Ferne flimmern und dahinter die Spitzen von Windrädern aufblitzen. Das alles unter einem blauen Himmel. Und ich sage euch: es ist gar nicht so "einfach". Ich bemerkte mal wieder, welch gedankliches Grundrauschen in meinem Kopf vorherrscht. Ich stelle es mir vor wie ca. 5 Flummis die permanent in meinem Kopf rumfliegen. Einer davon ist mein jeweils aktueller Ohrwurm: 



Ein anderer die Zweifel an meinem Leben. Ein weiterer springt mit irgendwelchen Konsumüberlegungen durch meinen Kopf. Dann gibt es noch den mit dem aktuell zu bearbeitenden eigenen Song und der eine mit den Erlebnissen der Vergangenheit...die Springen alle vor sich hin und ich kriegte das erst mit, als ich da im Wasser stand. Wie eine Salzsäule. Manchmal tut es auch gut, eine Säule zu sein. Nur stand ich dort so lange, dass meine Füße kalt und mein linker Arm braun wurde. Denn die Sonne stand hoch aber schräg.

Naja...es geht mir okay.

TV.

Montag, 30. April 2018

Landhausstilnazikrankenhaus

Ich habe mir einen kleinen Schrank ergattert. Er ist leicht vergilbt und war mal weiß, schätze ich. Lady J sagte mir, dies sei der Landhausstil. Ich wiederum meinte, es handele sich um den Nachtschrank aus einem Weltkriegssanatorium oder Nazi-Krankenhaus. 

Der nächste Vorschlag eine Vase mit preisreduzierten roten Tulpen auf den Schrank zu stellen, verstärkte für mich den Nazi-Eindruck noch mehr. Daneben steht eine weiße Kanne gefüllt mit Pfefferminztee. Sie hat kleine goldene Verziehrungen am oberen Rand. 

Auf der linken Seite des Schrankes stehen zwei Nägel heraus. Die habe ich von innen eingeschlagen, um ein kleines Brett als Ablage anzubringen. Die Nägel waren die einzigen, die ich auf die Schnelle finden konnte. Sie waren zu lang, deshalb standen sie heraus und ich schlug sie um. 

Der Schrank, der Schrank. Ist mein Schrank. Ein Bild von mir. 

Ich habe vier Jahre das selbe Paar Schuhe getragen. Es waren Arbeitsschuhe aus Leder aus England. Keine Doktoren, sonderen Solovaren. Jetzt fällt mir gerade ein, dass ich die Schuhe bekommen habe, als meine letzte langjährige Beziehung anfing zu Ende zu gehen. Hat mich das „Solo“ im Namen der Schuhe schon darauf hingewiesen? 

Die Schuhe waren sehr gut und haben mich getragen durch die dunklen Täler waren aber auch dabei, als ich das Licht sah und sich in mir Liebe und Freude regte. Sie schützen meine Füße vor Schnee und Regen und auch unter Hitze hatte ich nie einen schweißigen Fuß. Das sie aus Leder waren, sagte ich schon. Sie waren schwarz und glänzend und ein bisschen zu groß. Ich kaufte sie gebraucht. 

Sie waren mir fast etwas zu gut in Schuss und so hielt ich ließ ich ein paar mal die linke und rechte Spitze über den Asphalt schleifen, als ich auf dem Fahrrad von A nach B fuhr. Die Linke wurde dann als erste grau und dann auch die Rechte und dann auch die Kanten, dort wo der Fuß rein geht, wo der Knöchel reibt. Blasen? Hatte ich auch nie. Die Sohle war sehr lange sehr stabil und säureresistent. Manchmal bin ich ausgerutscht, aber das lag eher an meinem Substanzzustand. 

Im letzten Winter bekam der linke Schuh dann ein Loch an der Spitze. Eine Spätfolge meiner Asphaltschleifaktion. Ich versuchte dann noch mit schwarzer Schuhcreme den Zustand zu verbessern, aber auch der Rechte litt und löste sich hinten an der Naht auf. 

Und deshalb hab ich mir jetzt ein neues Paar gekauft. Es ist fast das selbe. Wieder gebraucht, ne halbe Nummer größer, aber eigentlich ein bisschen besser sitzend. Und ein zweites Paar habe ich auch, ein richtig neues, mein erstes neues Paar Schuhe seit 7 Jahren. Bisschen exzentrisch. Mit Schnalle und Wildleder. 

Das alte Paar wegzuschmeißen schaffte ich noch nicht. Wie soll das auch gehen, wenn man so viel Zeit miteinander verbracht hat? Fliegt das dann einfach in den Müll? Ich erdachte mir ein Ritual und zog die Schnürsenkel des alten Paares in die neuen und somit einen Teil von ihnen weiter durch mein Leben zu tragen.