Direkt zum Hauptbereich

Pandemonia 67 - Leeren

Drei Fetzen immerhin heut Nacht:

Ich stand auf der Parkfläche gegenüber der Kirche in der Stieglitzstraße zu Leipzig und beobachtete eine alte Frau, die ihren Opel Geländewagen vom seltenen Typ Monterey aus einer Parklücke fahren wollte. Es gelang ihr nicht so recht und sie sprach mehr zu sich selbst, dass dieser Wagen eine furchtbare Fehlkonstruktion sei. Man komme damit nur schwer voran. Das metallic-blaue Fahrzeug war an der Vorderachse mit viel höheren Stoßdämpfern ausgestattet als an der hinteren Achse. So dass es vorn extrem nach oben stand, während das Heck fast den Boden berührte. Dadurch konnte man, wenn man am Lenkrad saß nahezu nichts sehen außer den Himmel und die Häuser an den Straßenrändern. Ich war im Auftrag einer Autoschiebergruppe unterwegs und hatte einen Funkempfänger in dem Wagen installiert mit dessen Hilfe ich das Fahrzeug durch eine Fernbedienung steuern konnte. Ich stand an der Bordsteinkante hinter dem Opel und manovrierte ihn aus der Parklücke und die Straße entlang, während die alte Frau nicht wusste, wieso, aber auch nicht unglücklich darüber schien.

*

Ich warte mit mir bekannten Leuten an einem Flughafen. Ob auf Abflug oder Ankunft ist nicht klar. Später bin ich in deren Wohnung und brate mir ein Spiegelei und esse einen Toast. Die Leute kommen von einem mir unbekannten Ort zurück und fragen, ob es etwas zu essen gebe. Ich schäme mich und verschweige, dass ich mir gerade das letzte Ei gebraten habe. Stille Hoffnung, dass der Geruch schon verflogen ist.

*

So wie man beim Internetbrowser das Caché leeren kann, wo es die Möglichkeit gibt, das was man behalten will, auszuwählen (Passwörter, etc.), hatte ich per Rechtsklick die Möglichkeit ein Migrantenlager aufzulösen. Ich konnte mir aussuchen, ob ich die Kleidung, das Geld oder die Gegenstände, die den Leuten gehörten behalten möchte. Die Menschen selbst würden in jedem Fall gelöscht werden.

TV

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

#412 Atemschrei

Seit 10 Jahren kehrte er das Treppenhaus eines Buchlagers. Ein alter Plattenbau mit Stufen aus glattem Beton und definierten Winkeln und Kanten. Nicht wie die ausgetretenen Holzstufen im Nebengebäude der Tierpathologie, in der er vorher angestellt war. Den Dreck dort aus den Rissen und Fugen herauszubekommen, dauerte Stunden. Aber hier auf dem Beton fühlte es sich an wie ein Tanz, wenn er den Besen in sanften Wellen über den Boden schwang. Auf dem Weg dort hin und zurück kam er jeden Tag an einem kleinen Geschäft vorbei. Lange Zeit war es ein Imbiss, betrieben von einer Frau und einem Mann, die Filterkaffee, Cola in Dosen und zwei Sorten Flaschenbier verkauften. Dazu ganz akzeptable Pommes aus einer in die Jahre gekommen kleinen Fritteuse.  Als er sich entschloss, mit den beiden einmal mehr Worte zu wechseln, als "Eine Cola, bitte."   - "1,20" und "Stimmt so." teilte ihm die Frau mit, dass sie in zwei Wochen endgültig schließen - Rente. Beide hatten bis z...

#410 Bibelfliege

Steve sitzt an seinem Küchentisch. Der Tisch ist aus einem hellen Holz gefertigt, er hatte ihn gebraucht gekauft, einige dunkle Verfärbungen, dort wo schon vor ihm jahrelang Menschen ihre Arme abgelegt hatten. Erst beim Essen und später auch die Köpfe nach langen Trinknächten. Da sind auch Kerben, wo rohes Fleisch und Zwiebeln direkt auf dem Holz geschnitten wurden. Vielleicht sogar, so denkt er sich, hat auf diesem Tisch mal jemand Buchstaben aus einer Zeitung für einen Erpresserbrief mit dem Teppichmesser ausgeschnitten und dabei kleine Kerben hinterlassen.  Er fährt mit seiner Hand über den Tisch. Hinter ihm fällt flaches Sonnenlicht durch das Fenster. Die Blätter der beiden Bäume auf dem Hof verlieren langsam ihr Grün, aber der Wind ist noch nicht stark genug, sie von den Ästen zu reißen. Neben dem Tisch hängt ein Schrank, der zu der ebenfalls gebrauchten Einbauküche gehört, die Steve einer Frau abgekauft hat, die aus ihrer Stadtwohnung aufs Land zog. "Aus gesundheitlichen Gr...

#408 Verschwommene Kontore/Verdammnis

Durch das Fenster fällt Licht. Es ist das Licht aller Laternen der Stadt, dass sich an der Wolkendecke reflektiert. Es ist ein schwaches, leicht oranges glimmendes Licht, dass man auch sehen kann, wenn man sich Nachts über eine der Zubringerstraßen dieser Stadt nähert. Es hängt wie eine Glocke über den Häusern. Und in einem dieser Häuser liege ich unter dem Dach auf meinem Bett und starre den Schrank an, der an der Stirnseite meines Zimmer steht. Ich wende den Blick nicht ab und sehe, dass sich eine der Türen ganz langsam öffnet. An der oberen Kante zeichnet sich ein Schatten ab, schwarz, ungefähr so groß wie eine Hand und ohne dass ich Augen oder einen Mund erkennen kann, weiß ich, dass dies der Kopf sein muss, von diesem Etwas, dass mich beobachtet. Denn ja, ich fühle mich beobachtet, betrachtet. Das Wesen verharrt genauso wie ich für eine knappe Minute bevor es sich wieder ganz langsam hinter die Schranktür zurück zieht und diese dann auch schließt. Ich blinzele und stehe auf. Ich w...