Direkt zum Hauptbereich

Pandemonia 89 - Synthetik um die Hüfte

Heiß ist es draußen. Und so plötzlich. Geträumt habe ich von kurzen Episoden eines Bekannten und einer Nachbarin aus meiner Kindheit. Desweiteren dass der Hinterreifen meines Fahrrades auf dem Viertel eines langen Weges platzt und ich mir denke: Oh nein, jetzt muss ich den ewigen Rest schieben. Am Telefon am Tag danach sprach meine Mutter dann genau von jener Nachbarin, die nach mir fragte. Und auf einer etwas längeren Fahrt fuhr ich über irgendetwas, das unter dem Reifen laut knackte. Doch das Fahrrad blieb heil und brachte mich zum Ziel. Jetzt wo es so warm ist, erinnere ich mich als erstes an verkaterte Wege nach Hause unter einer gnadenlosen Sonne auf der Suche nach Dunkelheit. Ich erinnere mich an ein Ausgeliefertsein, dass gleichzeitig furchtbar, aber auch angenehm war, denn es gab keine andere Möglichkeit der Existenz in diesem Moment. An einen dieser Wege erinnere ich mich besonders, ich führte ein Kurznachrichtengespräch über Texte in denen ein Song von der Band "Joy Division" angesprochen wurde. Diese Band war für mich in der Zeit zwischen 17 und 24 sehr sehr prägend, aber ich, beeinflusst vom Restalkohol und der Sonne, die gnadenlos ihre Photonen auf mich herabfallen ließ, schrieb vollkommen schrankenlos, dass ich nichts mehr mit dieser Band und ihrem selbstmitleidigen Sänger zu tun haben will. Kurz darauf wurde mir klar, dass ich natürlich nur meinem selbstmitleidigen Ich keinen Platz mehr geben wollte, obwohl ich natürlich dort unter der Sonne voller auf dem einsamen Weg nach Hause voller Selbstmitleid war. Ich erinnere mich wie ich an einer Plastikmülltonne pausierte und den Duft des weichen erhitztzen Plastiks einatmete, während ich Worte auf das Display meines Telefons hackte. Bin ich noch so? Das überlegte ich gerade, als ich über den erhitzten Asphalt glitt. Ich bin nicht mehr so. Aber voll von erhöhter Aufmerksamkeit. Und jetzt wo es heiß wird, wundere ich mich immer über die Obdachlosen die trotz der hohen Temperaturen mindest langärmlig, wenn nicht sogar mit Jacke bekleidet wie eh und jeh durch die Straßen schleichen. Wahrscheinlich als Schutz vor der Gesellschaft. Ich habe mir gerade ein Bier aufgemacht und gleite sanft durch den Tag.

TV

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

#412 Atemschrei

Seit 10 Jahren kehrte er das Treppenhaus eines Buchlagers. Ein alter Plattenbau mit Stufen aus glattem Beton und definierten Winkeln und Kanten. Nicht wie die ausgetretenen Holzstufen im Nebengebäude der Tierpathologie, in der er vorher angestellt war. Den Dreck dort aus den Rissen und Fugen herauszubekommen, dauerte Stunden. Aber hier auf dem Beton fühlte es sich an wie ein Tanz, wenn er den Besen in sanften Wellen über den Boden schwang. Auf dem Weg dort hin und zurück kam er jeden Tag an einem kleinen Geschäft vorbei. Lange Zeit war es ein Imbiss, betrieben von einer Frau und einem Mann, die Filterkaffee, Cola in Dosen und zwei Sorten Flaschenbier verkauften. Dazu ganz akzeptable Pommes aus einer in die Jahre gekommen kleinen Fritteuse.  Als er sich entschloss, mit den beiden einmal mehr Worte zu wechseln, als "Eine Cola, bitte."   - "1,20" und "Stimmt so." teilte ihm die Frau mit, dass sie in zwei Wochen endgültig schließen - Rente. Beide hatten bis z...

#410 Bibelfliege

Steve sitzt an seinem Küchentisch. Der Tisch ist aus einem hellen Holz gefertigt, er hatte ihn gebraucht gekauft, einige dunkle Verfärbungen, dort wo schon vor ihm jahrelang Menschen ihre Arme abgelegt hatten. Erst beim Essen und später auch die Köpfe nach langen Trinknächten. Da sind auch Kerben, wo rohes Fleisch und Zwiebeln direkt auf dem Holz geschnitten wurden. Vielleicht sogar, so denkt er sich, hat auf diesem Tisch mal jemand Buchstaben aus einer Zeitung für einen Erpresserbrief mit dem Teppichmesser ausgeschnitten und dabei kleine Kerben hinterlassen.  Er fährt mit seiner Hand über den Tisch. Hinter ihm fällt flaches Sonnenlicht durch das Fenster. Die Blätter der beiden Bäume auf dem Hof verlieren langsam ihr Grün, aber der Wind ist noch nicht stark genug, sie von den Ästen zu reißen. Neben dem Tisch hängt ein Schrank, der zu der ebenfalls gebrauchten Einbauküche gehört, die Steve einer Frau abgekauft hat, die aus ihrer Stadtwohnung aufs Land zog. "Aus gesundheitlichen Gr...

#408 Verschwommene Kontore/Verdammnis

Durch das Fenster fällt Licht. Es ist das Licht aller Laternen der Stadt, dass sich an der Wolkendecke reflektiert. Es ist ein schwaches, leicht oranges glimmendes Licht, dass man auch sehen kann, wenn man sich Nachts über eine der Zubringerstraßen dieser Stadt nähert. Es hängt wie eine Glocke über den Häusern. Und in einem dieser Häuser liege ich unter dem Dach auf meinem Bett und starre den Schrank an, der an der Stirnseite meines Zimmer steht. Ich wende den Blick nicht ab und sehe, dass sich eine der Türen ganz langsam öffnet. An der oberen Kante zeichnet sich ein Schatten ab, schwarz, ungefähr so groß wie eine Hand und ohne dass ich Augen oder einen Mund erkennen kann, weiß ich, dass dies der Kopf sein muss, von diesem Etwas, dass mich beobachtet. Denn ja, ich fühle mich beobachtet, betrachtet. Das Wesen verharrt genauso wie ich für eine knappe Minute bevor es sich wieder ganz langsam hinter die Schranktür zurück zieht und diese dann auch schließt. Ich blinzele und stehe auf. Ich w...