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Tag des fallenden Bestecks

Nicht so selten habe ich Fantasien, die aus Beobachtungen scheinbar nur etwas von der Norm abweichender Ereignisse entstehen. Es sind Fantasien, die das Ende einer Welt ankündigen, Anomalien in einem zusammenbrechenden System. Die letzte entstand aus dem vermehrt auftretenden Fallen von Besteck in meiner unmittelbaren Umgebung. Messer und Gabeln fielen von Tellern, schlugen lautstark auf Holz- und noch resonanter und schmerzhafter auf Marmorböden, die von der Zeit gezeichnet pittoreske Risse tragen. Und immer, wenn ein normalerweise nicht so oft eintretendes Ereignis und dazu zähle ich das Fallen von Besteck durchaus, öfter stattfindet, horche ich auf. Dann denke ich: hier stimmt was nicht, da liegt ein Fehler vor in der Programmierung der Ereignisse oder ihrer Verteilung in Zeit und Raum.  Die Fehlerscheinungen werden immer massiver und Enden damit, dass nach und nach alle Menschen verschwinden. Davor werden viele zu sehen sein, die sich auf der Straße ausweichen wollen und d...

Laufschriftwerkseinstellung

Am Tresen ist erkennbar, wie lang eine Bar schon steht. Ich bemerkte am Rand des Brettes Farbabnutzung, die von vielen Ellenbogen und Unterarmen stammen musste. Die Lack verschwand und gab das Holz frei, das jetzt durch Leder, Stoff und schiwtzende Haut, speckig glänzte. Wahrscheinlich auch durch eine oder mehrere Stirnen, die in Müdigkeit oder Trauer auf der Tresenkante abgelegt oder auch auf jene gehauen worden.  Etwas weiter Richtung Barkeeper und Spülbecken gibt es dann einzelne Streifen und Vertiefungen, die von der Ausgabe der Biere herrühren. an dieser Stelle wanderten und wandern viele Flaschen Süden nach Norden, um den Durst jener zu stillen, die einkehren um zu vergessen, sich dem lila Nebel hinzugeben von dem schon Jack London in seinem Buch "König Alkohol" zu berichten wusste.  Vielleicht stammen die Furchen auch vom Hartgeld, dass von Norden nach Süden über den Tresen wandert. Vielleicht ist es auch logischer, die Keeperseite als Norden zu bezeichnen, de...

Die Gedanken finden nicht zueinander, kreisen nur

Es ist Frühling. Die Luft im Park war erfüllt vom Geruch nach Erbrochenem. Kurze Zeit später roch es in den Straßen nach Parfum, als ob ein Tanklaster ausgelaufen wäre, beim Versuch den Kotzgeruch zu überdecken. Wie es solchen Versuchen innewohnt, machte die Mischung es nicht besser.  Am Abend, die Tischlampe war von einem hellbraunen Tuch überdeckt, das ein ornamentales Muster trug und warf mildes Licht, zog ein scharfter Duft durch das Fenster. Erster Gedanke: Giftgas ist geruch- und farblos und je unentdeckter es sich gibt, desto grausamer tötet es. Ich stellte mich darauf ein, dass mir ein qualvoller Tod bevorstand. Oder wünschte ich es mir nur? Das endlich mal etwas passiert. Eine Sekunde später fluchte ich über mich selbst, meine westliche Verwöhntheit, deren einzige ECHTE Probleme darin bestehen, die Versandkosten für Schallplatten so minimal wie möglich zu halten und Sonnenbrillen aus bessergeträumten vergangenen Zeiten aus dem Ausland kostenfrei durch den Zoll zu krie...

Von den Nächten die zu Tagen werden

Ich bin fasziniert und angewidert zu gleich. In den letzten Wochen bekam ich die Möglichkeit, im Internet die Serie "Sopranos" zu geniessen. Und versank darin, fand mich diesmal zu Abwechslung nicht direkt in einer Hauptfigur wieder, sondern gefiel mir darin, einige Verhaltensweisen anzueignen und dies im Verlauf der nächsten wärmenden Wochen zu intensivieren.  In erster Linie: auf einem Klappstuhl an der Straßenecke sitzen und dem Betrieb der glücklichen Menschen nachzuschauen. Etwas neidisch, aber aus der Klappstuhlperspektive zumindest in Teilen Dandy-istisch. Habe ich mit Glossy S letztens schon mal testweise probiert, aber da es zu regnen begann, hielten wir es nur für eine halbens Bier und eine Tasse Kamillentee aus und verzogen uns dann wieder.  Verziehen und verzeihen, doch vorrangig verziehen, das war meine Tätigkeit in den letzten Wochen, um den Stoffen des Rausches zu entsagen. Und es klappte ganz gut, bis auf ein, nein zwei Aussetzer. Und ich stellte erne...

Alles/Manches/Nichts Beroien

Le roi, der König. Mit einem Floß auf dem Fluss der Träume landet er an neuen Ufern. Sandig oder mit Kieseln bedeckt. Das Floß besteht aus vier Plastikkanistern Bautzener Senf Mittelscharf, wie sie von gastronomischen Großverbrauchern benutzt werden, bevor jene sie in die Fluten des Traumflusses werfen. Sitzmöglichkeiten und Kopfbedeckungen gegen den Regen hat er sich aus Joghurtbechern von Lidl geschnitzt. Der König ist ein Stadtmensch, denn vor allem in der Stadt sind die Ränder der Gewässer mit Müll übersät und die Wasserbewohner lernten anstatt aus Holt und Gras ihre Fortbewegungsmittel aus Plastik zu bauen. Aus Obst und Gemüseplastiktüten besteht das Segel. So bewegt er sich also schweigend und träumend über den Fluss. Der ist erwartbar trübe, denn Träume erzählen meistens in mindestens undeutlicher Sprache. Wenn sie nicht sogar nuscheln oder lallen.  Ich erwachte in den vergangenen Nächten nicht selten und glaubte mich berauscht von Tresen heimkehrend, bevor ich ge...

Völker hört die Signale, also sprach Timm Völker

Hör auf dein Herz, hör auf deinen Magen, hör auf deine Füße und lass' sie dich tragen. Dorthin wo es gut für dich ist. Ich hab mir ne Woche "AUS" genommen, ich bitte um Verzeihung bei all jenen, die eine Abhängigkeit von dieser Schreibe entwickelt haben, so wie ich von Ritualen.  Was ist passiert? Nichts besonderes. Die völkische Müdigkeit nach zu langem Aufenthalt in verglaster Dunkelheit trat stärker denn je auf. Jetzt bin ich wieder in der Einschienenbahn und tippe munter vor mich her, sehe langsam am Horizont die Insel Caprona auftauchen, die in meinem Zusammenhang mit den Aufnahmen meines neuen Albums (aktueller Arbeitstitel: Knabenmorgen - Blütenträume") zu sehen ist. Wenn ich Caprona an Bord eines deutschen U-Boots des ersten Weltkrieges erreiche, werde ich für einen Moment glücklich an einem Palmenstrand liegen. Bevor ich von einem Dinosaurier gefressen werde und die ganze Insel, auf der die gesamte Evolution des Lebens in einem wiederkehrenden Zyklus en...

Tunnel aus Jungs

Unendlichkeit - er sah sie, als er klein war. Sich selbst 100 mal. Wie das geht? Er hatte davon gelesen und kramte an einem einsamen Nachmittag aus einem Schrank seiner Eltern so einen kleinen schmucklosen Schminkspiegel, vielleicht 3x7cm groß, seine Kanten waren etwas rauh und hielt ihn vor seine Brust, hinein in den Norm-DDR Badspiegel, der noch recht lange in die 90er Jahre im Bad seiner Eltern hing.  Und plötzlich entstand da ein unendlicher Tunnel aus Spiegeln und Jungen und der kleine Racker war völlig davon eingenommen. Am nächsten Tag hat er es auf dem langen Flur, in der elterlichen Wohnung noch einmal ausprobiert. Am einem Ende des Flurs befand sich der Ankleidespiegel, am anderen Ende stand er mit dem Badspiegel und konnte so noch tiefer in den Tunnel aus Jungs schauen.  Nachdem er das selbe Phänomen vorgestern erneut ausprobieren wollte, aber übernächtigt nicht in der Lage war sich selbst "in Focus" zu biegen und des nach einigen Verrenkungen aufgab, wurd...