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Haare, wo keine Haare sein sollen


Ich fühl mich nicht so gut, sagte der Wurstlehrling und blieb zu Hause. So wird es gelehrt im Hygienelehrvideo für angehende Fachkräfte der lebensmittelverarbeitenden Industrie. So wurde es mir berichtet und aus vertraulichen Quellen bestätigt. 

Ich sass am vergangenen Sonnabend gegen 1:30Uhr auf einer Holzbank auf einer Strasse, sie sei an dieser Stelle K.H.Strasse genannt und trank frisch gebadet (im Badesradio kam zuerst Whiskey In The Jar und dann Twisting My Sobriety, wer denkt sich solche Playlisten aus?) ein Bier, denn ich hab bis kurz davor noch an einem Song namens "Der Grosse Spass" geschwitzt. Mein rechtes Bein war über das Linke locker gewinkelt und bei mir ist es so, dass das obere Bein dann immer total schnell "einschläft", also innerlich juckt und beim Aufstehen tut es extrem weh und ist taub. Falls mir jemand sagen kann, warum das so ist, solle er nicht zögern mir die Antwort zu verraten. 

Ich wollte im Moment aber darauf hinaus, dass sich vor mir Leute sammelten, die mit dem Nacktbus Richtung Hauptbahnhof wollten und mir fiel auf, dass die Hauptdefinitionsmerkmale dieser Menschen sich ganz oben und ganz unten am Körper befanden. Ihr werdet es erraten: es geht um die Haare und die Schuhe. Da gibt es bei zweiteren fast nur Sneaker dreier Marken oder Halbschuhe. Für viele wird es ein alter Hut sein, auf den ich gleich noch komme, aber ich hatte die Idee, dass doch irgendwer mal einen NewBalance Schuh entwerfen könnte, auf dem ein Hakenkreuz statt des "N's" drauf ist. Und das dann als Kunst verkaufen? Willkommen in meiner Tagtraumwelt. Jetzt auch nachts! 

Nun zu den Haaren: es wird ja gesagt, heute, wo alle dazu angeregt werden, sich individualisiert zu kleiden und sich selbst zu optimieren, also optimal darzustellen für soziale und fortpflanzliche(Gruß an GAPD!) Tätigkeiten, der leittragende der Künstler ist. Denn seine Bastion der exaltierten Fashion und Persönlichkeitspräsentation teilt er nun mit dem gewöhnlichen Mob und damit er Künstler bleiben darf, ist es seine Pflicht die Individualitätsstandardlatte höher zu setzen. Beim Limbo wäre es also leichter. Im echten Leben umso schwerer. Ich habe mich gegen diese Theorie, vorgetragen aus einer mir sehr vertrauten Quelle ziemlich gewehrt, denn ich halte nix von Produktoptimierung, in dem Fall Produkt=Ich. Aber im Endeffekt war's wohl schon immer so und ich will auch nicht faul sein. Fashion und Aussehen gehören dazu. Oft reicht schon eine Frisur. 

Da gibt es so viele Varianten und auch ich trage sie in langer meist fettiger Unform auf dem Kopf und seit ein paar Wochen ist es mal wieder soweit, dass ich über's abschneiden meiner Haare grübele. Eine Ersatzhandlung? Vielleicht. Ganz real macht mich aber das permanente "Haare im Gesicht hängen" ganz nervös - denn ein Zopf bzw. eine Dönerpalme werde ich nicht tragen, dazu bin ich zu sehr Grunger. Noch geht es und ich hoffe ich vergesse die Nervosität in den nächsten Tagen wieder oder ich raste komplett aus und rasiere alles weg. 

Die Band MUTTER spielt in Leipzig. Ich gehe nicht hin, weil mich die Band nicht mehr wirklich interessiert. Allen die da hingehen wünsche ich allerdings viel Spass. Als ich 13 war, sah ich das Video zu Krieg ist vorbei bei MTV, da war ich extrem beeindruckt und verstört über soviel Pessimismus und hab mir gleich das Europa Gegen Amerika Album gekauft und tatsächlich damals bei What's So Funny About/ZickZack ein Shirt mit dem Albumcover bestellt. Viermal Und in einem Satz. Damals dachte ich, ich trage die Shirts bis ich 50 Jahre alt und dick bin und hab mir grundsätzlich alles in XL bestellt. Später habe ich sie dann abgeschnitten, weil sie zu lang waren. Das meistens zu grob, so dass es Bauchfrei-Shirts wurden, die ich nicht tragen wollte und so landeten die Dinger dann im MÜLL. Vor 3 Jahren habe ich dann selbst eine Platte bei ZickZack veröffentlicht und Mutter gerieten bei mir in Vergessenheit. Erst vor kurzem gab mir der vorsitzende des Leipziger Mutter Fan Club e.V. den gesamten Backkatalog der Band und ich hörte nochmal durch. Die Band zerrte mich gegen meinen Willen in ihre schöne Welt und als ich wieder zu hause ankam, schrieb ich das nun folgende Gedicht: 

Haare

Haare - wo keine Haare sein sollen
Zum Beispiel auf der Brust
Oder im Joghurt
Oder im Gespräch im Mundwinkel gegenüber 
Und du siehst es 
Aber traust dir nichts zu sagen.
Ist auch ein bisschen geil.
Haare - die Macht.
Haare - richtig schlimm sind sie im Hals,
wenn du nur Tschüss sagen willst und dich dabei übergibst.
Haare - zeigen deine wahren Taten auch wenn du es nicht willst.
Haare, Haare, Haare. 
Wer bestimmt wo keine Haare sein sollen?
Haare, ich red drüber,
Denn die Band Mutter weckt Neurosen in mir.
Haare - endlich hat's mal wer gesagt.

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Viele Grüsse, Timm.

PS.: Über Hüte erzähle ich beim nächsten Mal.
PPS.: Danke an alle meine Verfolger für über 1000 Klicks!

Kommentare

  1. "Dein Haar ist zu lang, dein Haar ist zu kurz." brachten MUTTER die ganze Misere treffsicher in einer frühen Demo des Liedes "Erlösung von oben" zur Sprache.

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  2. Ich musste noch etwas hinzufügen, deshalb die Selbstzensur. Also nochmal: Danke für diesen Hinweis. Die zitierten Zeilen sind ein sehr gutes Beispiel für die Verneinung bzw. die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens, die den Mutter Songs innewohnt. Heissen die Mitglieder des MFC eigentlich "Töchter und Söhne"? Viele Grüsse, Timm.

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  3. Töchter & Söhne, jedoch sicherlich keine Brüder & Schwestern.

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