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Posts

Mondlichtritt/Trottoirtour

Ich gehe in einen Nebenraum, um meinen Pullover auszuziehen, der inzwischen schon einige Löcher bekommen hat. Ich trage ihn trotzdem, denn er hält warm. Aber genau deshalb will ich ihn jetzt ablegen. Denn der Hauptraum aus dem ich komme, ist nicht nur gut ausgeleuchtet, sondern auch ordentlich beheizt. Während ich durch die Tür in das Nebenzimmer trete, bemerke ich einen Mann, der im hinteren Teil des Raumes mit den Armen nach vorn an die Wand gestützt steht. Vor ihm auf dem Heizkörper sein Telefon. Er hört einer Person zu. Ich höre unweigerlich, was der Mensch am anderen Ende der Leitung - gehen Telefongespräche überhaupt noch durch Leitungen oder inzwischen schon komplett durch die Luft? - berichtet. Es ist die Stimme einer älteren Frau, schwach, brüchig und im Klang schwingt Schmerz mit. Sie spricht davon, dass es nicht geht, dass es brennt wie Feuer. Und der Mann spricht von einem neuen Termin, den "wir" nochmal ausmachen und dass dann noch einmal gemeinsam gefeiert wird...

Riechen wollen/Wie andere Leben

Zwei mit Müll gefüllte Regentonnen wackeln auf dem LKW sanft hin und her. Wir entfernen uns von einer Garage, die wir entrümpelt haben und in der 8 Wolfsspinnen wohnen und nähern uns einem der Wertstoffhöfe dieser Stadt. Wie immer sind wir dem Bediensteten-Roulette auf diesen städtischen Höfen unterworfen. Bei meinen letzten Besuchen hatte ich Glück und bin immer an den netten, mit einem merkwürdigen zwischen brandenburgisch und hanseatisch mäanderdem Akzent rundlichen Typen geraten, der weiß, was er tut, es einen aber nicht permanent spüren lässt. Diesmal aber sehe ich den Branseaten nicht. Stattdessen nähert sich ein Hofarbeiter der bereits heruntergekurbelten Scheibe auf der Fahrerseite und gibt ein Geräusch von sich, dass vor langer Zeit mal ein "Guten Tag, was haben Sie denn dabei?" gewesen sein muss, nach Jahren der Arbeit hier aber auf einen kurzen tonalen Laut zwischen "hmpf" und "uh-hum" reduziert wurde. Denn macht das denn noch einen Unterschi...

Garaus/Windrinde

Ein Wildschwein rennt durch die Straßen. Es hat auf seinem Rücken langes Fell, dass mindestens genauso hoch wie es selbst nach oben aufgestellt ist, eigentlich so aussieht, als sei es geföhnt und an den Kanten ganz sauber geschoren und in die Form eines Quaders gebracht. Das Schwein wird von Hunden gejagt und der Fellquader auf seinem Rücken verwandelt sich in einen weiteren Hund. Die Menschen dort greifen nicht ein. Ich bemerke, dass ich meine eigene Hand halte. Ich bin nicht verängstigt, versoffen oder verzweifelt, erinnere mich aber an Momente, in denen ich in solchen Zuständen erwachte und mir selbst versuchte durch sanftes reiben der Oberarme Halt zu geben, mir selbst die Hand hielt, um nicht allein zu sein mit der Übelkeit und den pergamentenen Zuständen, in denen sich Körper und Geist nach Feierein befinden.  Aber schon Baron Münchausen wusste, dass er sich und sein Pferd nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen konnte und auch ich bin mir klar, dass mein Mir-Selbst-...

Balanceakt/Kakaoesplanade

Umarmungen, ein Thema, dem ich ambivalent gegenüber stehe. In Abgrenzung zu den mich umgebenden Post-Hippies in meiner frühen Jugend verwehrte ich diesen Art des Grußes, war verkannt als der Hand-Junge. Mich störte die Entwertung der Geste durch ihren inflationären Gebrauch. So vergingen ein paar Jahre - Barthaare kamen, Barthaare wurden grau und ab und zu gab es dann Momente, in denen ich gerne umarmt hätte, es mir aber nicht traute. Im Rausch war’s natürlich möglich, aber den Rauschhandlungen haftet auch immer etwas fremdliches an. Und wie M mir letztens in Erinnerung brachte, endete eine solche Rauschumarmung mit einem schottischen Bekannten in einer Rangelei, die den ganzen Nachhauseweg durch die morgendliche hallesche Innenstadt dauerte und damit endete, dass ich auf dem Marktplatz plötzlich vor den Schienen einer in die Haltestelle einfahrenden Bahn lag. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was der Grund war. Im Rückblick bleibt nur arge Verwirrung, weil die Be...

Fanfare/Totale

Mehr und mehr konkretisiert sich in mir die Vorstellung aktiv in einen Krieg verwickelt zu sein - war es früher eine abstrakte Angst vor etwas, von dem ich wusste, dass es sowieso nicht eintritt, ist es inzwischen eine aktive Angst vor einer ziemlich konkreten Bedrohung, vor etwas, dass unüberschaubar und doch sehr real ist. Langsam schlich sich diese Vorstellung in mein Leben.  Es fing an einem Sonntag morgen vor sehr vielen Jahren an, als ich bei einem Schulfreund übernachtete. Wir waren in einem Alter, in dem wir mit Panzern und so etwas spielten und im verrauchten Wohnzimmer auf dem Teppich umherkrochen. Der Vater, er hatte, so glaube ich mich zu erinnern, ein Glas Wein vor sich, begann uns sehr ausführlich die Geschichte des zweiten Weltkriegs zu erzählen. Ich glaube sogar, er fing beim ersten Weltkrieg und dem Mord am österreichischen Thronfolger. Ich war erstaunt, wie viel Wissen in diesem Mann wohnte. Aber ich hatte auch Hunger und es gab nur ein paar Rosinen. Später habe i...

Neongräser/Glasbauch

M. fragte mich, nach dem ich etwas vorgelesen hatte, ob ich noch wütend sei. Das war eine einfache und präzise Frage. Ich antwortete darauf, was ich nicht hätte tun müssen. Aber, wie so oft, konnte ich den Impuls nicht an mir halten und da ich an diesem Abend sowieso sehr offen und gleichzeitig abwesend war, sagte ich: " Ja, klar bin ich noch wütend. Aber auch freundlich." Das kam in den letzten Jahren dazu und ich glaube ja, das wütend und freundlich sein, das selbe sein kann, bzw. beide Regungen genauso beschämend sein können. Zumindest, und das wollte ich hier schon länger mal zur Sprache bringen, wundere ich mich über mich, wenn ich freundlich bin, aber auch, wie sehr freundlich sein helfen kann. Nicht unbedingt, um eigene Interessen durchzusetzen, sondern auch auf der Straße, um zu signalisieren, dass ein mir entgegenkommender Mensch keine Angst haben muss, dass ich ihn umfahre. Denn viele Menschen sind gereizt unterwegs in den Straßen. Die Signalisierung guter Intentio...

Affenecho/Röntgenigel

So ein Tag - wie viele Dinge und Fakten man gleichzeitig mit sich rumträgt und abwägt, Ängste und Meinungen. Einerseits ist man beschäftigt, klar zu kommen mit den Kriegen die jetzt, also GERADE jetzt stattfinden und Menschenleben kosten, andererseits gilt es auch die Überlegung anzustellen, was man sich zu Essen einkauft, mit wem man sich trifft, streitet oder küsst. Die Gleichzeitigkeit dieser Ebenen verwirrt mich - und ich frage mich, ob sich die Entscheidungen in den Ebenen untereinander auch vermischen oder getrennt bleiben, wie bei verschiedenen Farb- oder Lackschichten. Da kommt es auch immer auf die Art der Farbe an. Bei manchen bleibt jede für sich, bei manchen gehen die Schichten ineinander über. Aber es ist ja alles in einem Kopf, es ist ja alles auf einer Erde und so glaube ich, dass sich alles vermischt.  Wir standen ja auch eben an der Ecke am Tunnel, in der Kälte und unterhielten uns übers Lackieren und das Zähneknirschen des Kindes, wenn ein neuer Zahn durchs Zahnfl...