Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom Mai, 2024 angezeigt.

#392 Sakrament/Sargäquivalent

Auf dem Fußweg liegt eine Ratte, halb bedeckt durch ein weiß gebleichtes Taschentuch, dass ihr Leichentuch geworden ist. Ein Passant muss es mit spitzen Fingern und Vorsicht gebietenem Abstand über sie geworfen haben. Sie liegt auf dem Rücken, die Glieder von sich gestreckt, das Maul halboffen und unterhalb der Kehle treten Eingeweide aus ihrem Körper, an denen sich bereits die ersten Fliegen sammeln. Als ich das zweite Mal an ihr vorbeikomme, ist das Leichentuch bereits einige Meter weggeweht und der Tod zeigt sich in seiner ganzen Profanität, liegt einfach da, ist mehr als die Abwesenheit des Lebens. Leben, dass aus einem Körper gewichen ist und damit diesen Körper zu einer Masse macht, die ihren eigentlichen Zweck nicht mehr erfüllt: Als Gefäß des Lebens, dass es diesem erst ermöglicht wahrgenommen zu werden. Und wenn dann dieses Leben beendet ist, bei der Ratte war es der Angriff eines Fuchses oder eine Kollision mit meinem Fahrrad, verliert der Körper seinen Sinn, wird zur Masse, ...

#391 Bayou-Genese/Kanu-Wesen

Man reicht mir eine Dia-Brille in Form einer Mickey-Maus. Ich schaue hindurch. Das erste Bild zeigt in erstaunlicher Plastizität einen Hasen, der eigentlich ein Affe war auf einer Wiese. Auf dem nächsten Bild ist ein Junge zu sehen, vor ihm die Collie-Hündin  "Lassie"  auf deren Rücken ein Rabe sitzt. Der Rabe passt nicht ganz in das friedliche Bild der Tier-Mensch-Freundschaft. Ein Bote des Bösen. Aber ich kenne die Serie nicht und so drücke ich den Knopf, der das nächste Bild erscheinen lässt.  Ein Wildwest-Sujet: Blauer erbarmungsloser Himmel und drei Soldaten der berittenen Kavallerie im inneren eines Forts, erkenntlich an den hohen Holzpfählen, die dicht an dich in den Boden gerammt, Schutz vor Gefahren von außen geben sollen. Vor den Soldaten, gefesselt drei Native Americans. Und neben den Natives ein Schäferhund, ein deutscher, genauer gesagt, ein Belgischer Schäferhund, der aber im Allgemeinen mit Deutschland assoziiert wird. Das liegt ganz einfach daran, dass wir...

#390 Immer weniger/In das Meer

Ich zähle Gegenstände und höre ein dumpfes Klirren und Scheppern. Ich zucke zusammen, denke sofort an Geister, die mir Zeichen geben. Ganz konkret an den Geist von Wolfgang Herrndorf. Denn wenn der Wind und die Zugluft durch die Räume wehen, in denen ich mich gerade befinde, glaube ich, dass es der Geist des Herrndorf ist. Ich habe das mal so fest gelegt, als ich gerade eins seiner Bücher las. Ich gehe sofort, sehr vorsichtig durch die Räumlichkeiten und sehe, dass ein Kühlschrankgitter voller Bierflaschen auf einer Seite abgerutscht ist. Die Flaschen drängen sich von innen an die Glastür. Ich öffne sie ganz vorsichtig und lasse einig der Flaschen auf Decken fallen, die ich vor der Tür auf dem Boden gelegt habe. Es funktioniert. Und ich beruhige mich wieder. Die Geisterfurcht begegnete mir in den letzten Wochen häufiger und eben nicht nur in der Nacht im Halbschlaf, als Gefühl, dass etwas im Raum ist, dass ich nicht sehe, aber dessen Präsenz ich spüre. Nein, auch tagsüber fallen Dinge ...

Schließzeiten/Öffnungswesen

Es sind müde Tage bei gleichzeitiger innerer Anspannung. Deshalb bin ich nach dem Aufwachen sehr vorsichtig beim Blinzeln und Augenlider schließen. Denn ich fürchte, wenn ich die Augen zu lange geschlossen halte, im Gehen oder unter der Dusche einzuschlafen. Teilweise glaube ich auch, gar nicht wach zu sein und denke, dass es nicht die Realität ist, in der ich mich bewege. Alles ist weich und wie in den Träumen von anderer Bedeutung oder ein Stück weiter weg von mir. Wenn meine Wahrnehmung ein Greiforgan wäre, würde es sich anfühlen, als fasse ich in Teig obwohl es der Lenker meines Fahrrads ist. Und ich spüre die zunehmende Geschwindigkeit beim Bergabfahren und denke nicht ans Bremsen, wundere mich eher darüber, wie es funktioniert, dass ich hier rolle und nicht nach links oder rechts kippe. Dann halte ich an und nehme einen kleinen Stock mit dem ich in der Erde herumstochere - um zu überprüfen, ob sie real ist. Erleichterung, denn sie ist immer noch knochentrocken und nicht teigig un...